VON SINNEN

Illusionen und Eros

Mit zunehmenden Jahren tritt das Thema Freiheit mehr und mehr in den Mittelpunkt meines Lebens. Dies hat ›natürlich‹ zu tun mit dem irreversibel scheinenden Verlust von Freiheit angesichts der Ökonomisierung aller Lebensbereiche, hat zu tun mit totalitärer Überwachung, mit einer Militarisierung des Alltags, zu der – global gesehen – auch die inter- und intrareligiösen Konflikte sogenannter Glaubensgemeinschaften gehören. Dass in diesem Rahmen alles Private notwendig politisch manipuliert ist, versteht sich von selbst. Und die o. g. Tendenzen betreffen im tiefsten Innern zudem jenen Kern des Privaten, das Intime, in dem auch ein Großteil unserer erotischen Wirklichkeit und Phantasie sich abspielt.

Nur wenige Menschen haben die Chance, ihr eigenes Begehren in Freiheit überhaupt erst einmal zu entdecken, anzunehmen und zu kultivieren. Angesichts neuer alter Homophobie weltweit, angesichts frauenfeindlicher ideologisch-religiöser Systeme (bis hin zu den Massenvergewaltigungen in Indien) scheint der ›Eros als Agent des Anderen‹ (Ariadne von Schirach), als selbstbestimmtes Ausloten erotischer Dimensionen des Lebens mehr als gefährdet. Wobei hier natürlich jede Freiheit immer nur die Freiheit sein kann des anderen Liebenden, der Andersliebenden, die in dieser Freiheit und in der Entwicklung eigenständigen erwachsenen Begehrens nicht behindert werden dürfen.

Das Erotische als etwas, das weit über den Bereich des Sexuellen hinausgeht, lässt uns im glücklichsten Falle im Von-Sinnen-Sein ganz bei Sinnen sein, lässt Subversives aufschimmern, die Möglichkeit, ohne Angst anders zu sein und zu lieben. So gesehen ist die Kultivierung des Erotischen immer auch Freiheitsübung (Péter Nádas). Sogar angesichts scheiternden Begehrens schafft sie Raum für die Komik der vertrackten Beziehungen zwischen Menschen, Menschen und Dingen, erkundet Reifen und Altern erotischer Versuche in Betten, Büchern, Küchen und Köpfen. Davon können Ihnen unsere Gäste viel erzählen. Stillen Sie also bei ›Von Sinnen. Eros und Illusion in der Literatur‹ ein wenig Ihre Schaulust, Ihren Ohrendurst, Ihren Lesehunger und öffnen Sie Ihre Geschmacks- und Möglichkeitssinne für Ausblicke ins Spielerische, Rauschhafte, Abgründige, ins konkret Utopische.

Gerd Herholz

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